· 

"War mir eine Ehre, ein Teil dieser großen Zeit zu sein"

In Ausgabe Nummer drei unserer Interview-Reihe anlässlich des 35-jährigen Bundesligajubiläums haben wir mit SCE-Legende Ossi Steiger gesprochen. Der ehemalige Abwehrspieler verbrachte zwischen 1974 und 1986 knapp 13 Jahre in der Landeshauptstadt. In einem spannenden Gespräch verriet er uns, wie er mit der Corona-Situation umgeht und welche Auswirkungen diese aus seiner persönlichen Sicht auf den Fußball haben wird. Auch erzählte uns der heute 61-Jährige, wie er vor 35 Jahren ein anderes einschneidendes Ereignis erlebte: den Reaktorunfall von Tschernobyl. Und natürlich durfte auch eine ganz spezielle Anekdote rund um Ex-Legionär Lajos Kü nicht fehlen.

Das Coronavirus hat uns nach wie vor fest im Griff. Wie geht es dir nach 14 Monaten Pandemie?

 

Ossi Steiger: So wie wahrscheinlich sehr vielen Anderen auch. Das normale Leben ist dadurch sehr stark beschnitten worden. Man ist durch die Krise zu einer gewissen Untätigkeit gezwungen. Viele bis damals alltägliche Dinge konnte man plötzlich nicht mehr machen. Dass man beispielsweise in ein Lokal geht, einen Kaffee trinkt und die Zeitung liest - das war dann nicht mehr möglich. Es dauert mittlerweile leider wirklich schon sehr lange. Ich würde mich freuen, wenn es in absehbarer Zeit wieder so etwas wie Normalität geben würde. Ich denke aber, dass sich die Lage mit der steigenden Zahl an geimpften Personen nach und nach bessern wird. 

 

Der Fußball hat sich durch die Krise fundamental gewandelt. Früher waren Geisterspiele eine Strafe, heute sind sie Alltag. Wie empfindest du diese Veränderung?

 

Fußball aus der Konserve ist nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Ich kann nachvollziehen, dass im Profibereich weitergespielt wird, denn da geht es um eine Menge Geld. Aber Fußball lebt von Emotionen und die Zuschauer genießen die Zeit, die sie bei den Spielen verbringen. Dieses ganze Rundherum gehört einfach dazu. Es ist schade, wenn man all das nicht leben kann, wenn man durch die Pandemie so eingeschränkt ist. Vor leeren Rängen ist das eine komplett andere Welt. Die Spieler können sich damit vielleicht arrangieren, weil es das Gesetz der Stunde ist, aber glücklich ist damit wohl niemand. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Spieler dadurch völlig unbeeinflusst sind. Letztendlich geben dir die Zuschauer in entscheidenden Phasen die nötige Energie. Durch diese Emotionen kannst du dich am Ende einfach zu einer noch besseren Leistung aufschwingen. Ein volles Stadion ist ein volles Stadion, dass der Zuschauer dazugehört ist einfach eine Tatsache.

 

Der aktuelle Plan sieht vor, dass ab Mitte Mai wieder Fußball gespielt werden darf. Mit welchem Gefühl blickst du dem Neustart entgegen?

 

Ich denke, dass aufgrund der vergangenen Monate eine gewisse Sensibilisierung eingetreten ist. Man ist im Umgang miteinander sicher vorsichtiger geworden. Man achtet mehr auf Hygienemaßnahmen und ich glaube, dass das unser täglich Brot werden wird. Es wird wahrscheinlich eine Weile dauern, bis das System wieder anläuft. Wenn man die Pandemie durch diverse Maßnahmen immer besser in den Griff bekommt, bin ich optimistisch, dass alles nach und nach wieder Schwung aufnimmt. Eine gewisse Restskepsis wird zumindest anfangs wohl noch vorhanden sein. Speziell bei den Zuschauern wird das wohl so sein, bei den Akteuren am Platz wahrscheinlich eher weniger. Natürlich wird es noch gewisse Maßnahmen brauchen, aber die wird jeder Fan gerne in Kauf nehmen, um wieder vor Ort zusehen zu können.

 

Du bist ja selbst bis Anfang der 2000er als Spieler auf dem Platz gestanden. Hättest du dir zu deiner aktiven Zeit eine Situation wie heute ausmalen können? Immerhin hast du ja in den 80ern die Zeit der Maul- und Klauenseuche erlebt.

 

Nein, denn im Prinzip ist durch Corona die ganze Welt stillgestanden. Das war ja ein durchschlagendes Ereignis auf allen Ebenen. Nach dem ersten Lockdown waren ja alle verunsichert, was auf sie zukommen wird. Damals folgte eine Hiobsbotschaft der nächsten. Zunächst war das für die Menschen in Europa ja ein Virusgeschehen im fernen China, welches aber nach kurzer Zeit auch bei uns angekommen war. Man konnte ja kaum abschätzen, wie sich die Lage entwickeln wird. Dass die Situation dann solche Ausmaße annimmt und so viele Menschen dahinrafft, das konnte sich damals kein Normalbürger ausmalen. Das vergangene Jahr hat jedenfalls gezeigt, dass es nur gemeinsam geht.

 

Ein anderes erschütterndes Ereignis jährte sich dieser Tage zum 35. Mal. Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Prypjat Reaktor Nummer 4 des AKW Tschernobyl. Die Fußballsaison wurde daraufhin nicht unterbrochen, Zuschauer waren ebenso weiter zugelassen. War das für dich damals die richtige Entscheidung?

 

Natürlich hat einen das berührt, was damals passiert ist. Andererseits hatte man aber auch einen gewissen jugendlichen Leichtsinn, man hat sich gedacht ‘das ist ja so weit weg’. Ich habe mir keine großartigen Gedanken gemacht, weil ich vor allem eines wollte: Fußball spielen. Aus heutiger Sicht betrachtet, weiß man natürlich viel mehr und kann das Ausmaß dieser Katastrophe viel besser einschätzen. Aber als das passiert ist, hatte man dieses Wissen nicht. Wenn uns damals jemand gesagt hätte ‘ihr dürft nicht spielen, weil im fernen Tschernobyl ein Reaktorunfall war’, hätten wir wohl gefragt was das mit uns zu tun hat, wo das doch so weit weg ist. Vielleicht wäre eine Unterbrechung der Saison rückblickend betrachtet besser gewesen, aber man war ja in diesen Dingen keineswegs so sattelfest wie heute. Es hat niemand gewusst, wie man auf einen solchen Super-GAU zu reagieren hat. Es war ja nicht so, dass es für eine solche Katastrophe ein Patentrezept gab.

 

Wie seid ihr als Mannschaft damals mit der Situation umgegangen? War das ein Thema bei euch?

 

Natürlich war das bei uns einige Tage lang latent. Es war ja ein Super-GAU sondergleichen. Aber dass wir deswegen den Spielbetrieb unterbrechen oder einschränken, war zu dieser Zeit kein Thema. 

 

Im Jahr 1986 ist für dich persönlich etwas sehr Positives geschehen. Du bist im besten Fußballeralter von 26 Jahren vom SCE zur Wiener Austria gewechselt. Wie kam dein Wechsel damals zustande und was hat er dir bedeutet?

 

Als Jugendlicher hat man natürlich einen Lieblingsverein und bei mir war das die Wiener Austria. Damals gab es ja viele besondere Spieler in ihren Reihen, deshalb war das für mich wirklich die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Plötzlich spielst du mit Stars wie Herbert Prohaska oder Tibor Nilasyi, die du als Jungspund bewundert hast, in einer Mannschaft. Der Wechsel an sich kam dann aber für mich relativ überraschend. Ich war zu dieser Zeit auf Urlaub im Ausland. Als ich dann zu Hause angerufen habe, bin ich informiert worden, dass es seitens der Austria Interesse gibt. Eigentlich war ich darauf eingestellt, dass es für mich beim SCE weitergeht, weil es dort für mich gut gepasst hat. Nach meiner Rückkehr hat der Transfer Fahrt aufgenommen. Zunächst einmal musste ich alles mit meinem Arbeitgeber regeln, denn bei der Austria spielte ich ja dann als Vollprofi. Ich war seit 1978 bei der Energie Burgenland angestellt und hatte einen Job, den man nicht so leicht bekommt. Zum Glück konnte ich mich mit dem Unternehmen auf eine einjährige Karenz einigen. 

 

Was fällt dir ein, wenn du an den 22. Oktober 1986 denkst? 

 

Wenn ich mich nicht täusche, war das das Spiel mit der Austria gegen Bayern München im Olympiastadion (im Europokal der Landesmeister, heute Champions League, Anm.). Für mich war das sehr beeindruckend. Man hat das Olympiastadion und all die berühmten Spieler wie Mathy, Matthäus, Augenthaler oder Brehme ja nur aus dem TV gekannt. Damals hat ja die Crème de la Crème des Fußballs in München gespielt. Es war definitiv ein Meilenstein in meinem fußballerischen Dasein. Wenn ich an die Atmosphäre während des Spiels im Olympiastadion zurückdenke, das war schon überwältigend.

 

Lass uns über deine Zeit in Eisenstadt sprechen. Zwischen 1974 und 1986 hast du deine Schuhe für den SCE geschnürt. Hättest du bei deinem Wechsel zum SCE gedacht, dass es für dich einmal so weit gehen würde?

 

Ich war schon in jungen Jahren mit Leib und Seele Fußballer. Ich hatte damals das Glück, dass ich mich für die Verbandsauswahl qualifizieren konnte. Das hat bei mir Gusto auf mehr gemacht. Dass ich dann zum SCE gekommen bin, war schlussendlich dem Umstand geschuldet, dass mein damaliger Auswahl-Trainer eine Verbindung zum Verein hatte. Er hat das in der Folge für mich in die Wege geleitet. Ich hatte ja außerdem noch die Option, nach Wiener Neustadt zu wechseln. Daraus wurde aber zum Glück nichts, da man dort auf routinierte Spieler gesetzt hat und Nachwuchshoffnungen kaum Chancen bekamen. Ich habe nach meinem Wechsel zum SCE noch das Leistungszentrum durchlaufen und hatte nach einigen Monaten das Glück, bei der Kampfmannschaft mittrainieren zu dürfen. Dort hatte man zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Ausfälle zu beklagen. Als ich 16 Jahre alt war, der SCE spielte damals in der 2. Division (zweithöchste Spielklasse, Anm.), hieß es dann plötzlich: ‘Morgen stehst du in der Startelf’. In Eisenstadt versuchte man nach dem Abstieg aus der Bundesliga einen Neustart und so setzte man vor allem auf junge Spieler. Dadurch kam ich zu meinem Debüt. Ich durfte damals mit vielen hervorragenden Kickern, wie Scheidl oder Eisele, zusammenspielen. Nach und nach konnte sich so ein Fundament bilden, sodass wir am Ende den Aufstieg schaffen konnten.

 

Gibt es ein Erlebnis beim SCE, an welches du besonders gerne zurückdenkst?

 

Das war auf jeden Fall die Saison in der 2. Division, in der wir Meister wurden und in die Bundesliga aufgestiegen sind (1981, Anm.). Das Lindenstadion war bei den entscheidenden Spielen brechend voll, es waren immer um die 15.000 Menschen da. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung und große Euphorie. Wir waren durch diesen Rückhalt so im Flow, dass der Aufstieg fast schon zum Selbstläufer wurde. Für das Burgenland war das genial,  speziell in den ersten beiden Jahren in der Bundesliga herrschte da Hochstimmung. Das hat mich natürlich schon mit Stolz erfüllt, es war eine wunderschöne Zeit. 

 

Welche bemerkenswerte Anekdote würdest du unseren Fans gerne erzählen?

 

Ich kann mich noch gut an ein Heimspiel in der Bundesliga erinnern, bei dem unser ungarischer Legionär Lajos Kü im Mittelpunkt stand. Der damalige Gegner ist mir leider nicht mehr erinnerlich. Unser Trainer Günther Kaltenbrunner sagte zu seinem Co Fredi Eisele, dass er gerne wechseln möchte. Ich sollte für Kü ins Spiel kommen. Eisele bereitete also alles vor und bei der nächsten Unterbrechung sollte es dann so weit sein. Eisele rief nach Kü, dass dieser das Spielfeld verlassen solle, doch der antwortete kurz und knapp: ‘Ich? No, no!’ und blieb kurzerhand einfach auf dem Rasen. Eisele war sprachlos und drehte sich zu Kaltenbrunner: ‘Gigsi, was soll ich machen? Der geht nicht raus.’ Darauf meinte der Schiedsrichter: ‘Wenn ihr nicht tauscht, setzen wir das Spiel jetzt fort.’ Ich habe mich dann halt wieder auf die Bank gesetzt (lacht). Für den Lajos blieb das natürlich nicht ohne Konsequenzen, er musste eine Geldstrafe zahlen. Seinen Fehler hat er am Ende auch eingesehen und sich entschuldigt. Er hat damals ein gutes Spiel gemacht und wollte der Mannschaft weiterhin helfen. So ein Verhalten war aber für die Verantwortlichen natürlich dennoch nicht akzeptabel.

 

Hast du noch Kontakt zu ehemaligen Mitspielern beim SCE?

 

Da hat sich natürlich die eine oder andere Verbindung über die Jahre erhalten. Zu Hannes Marzi pflege ich eine enge Freundschaft. Wir haben ja später auch in Sigleß und Rohrbach zusammengearbeitet. Auch mit Karl Rupprecht und Horst Sauerwein stehe ich immer wieder in Kontakt. 

 

Welche Bedeutung hat der SCE für dich persönlich?

 

Der SCE war in meiner Jugend der Verein im Burgenland. Danach kam lange nichts. Wenn du so lange dabei bist, bleibt dir das einfach. Es war mir eine Ehre, ein Teil dieser großen Zeit gewesen zu sein. So lange bei einem Verein zu sein, ist heutzutage eher selten geworden. Heute herrscht eine ‘Hire and fire-Mentalität’. Das ist aber auch den Umständen geschuldet. Früher warst du ja (vor dem Bosman-Urteil, Anm.) gewissermaßen eine Art ‘Leibeigener’ des Vereins. Vereinstreue ist heute ein Wort, dass zwar gerne gesprochen, aber nur selten gelebt wird. Der Fußball ist leider zu einer Geldmaschine geworden. Ich halte das allerdings für eine Blase, die irgendwann platzen wird. 

 

Verfolgst du derzeit die Geschehnisse beim SCE?

 

Dieser Verein lässt dich ja in Wahrheit nicht los. Der SCE hat mich so viele Jahre lang geprägt. Das vergisst man natürlich nicht, weshalb man die Geschehnisse immer im Auge hat. 

 

Was wünscht du dem SCE für die Zukunft?

 

Ich wünsche dem SCE, dass das eintritt, was sich alle wünschen und vorstellen - nämlich, dass es gelingt, wieder eine feste Größe im burgenländischen Fußball zu werden. Weiters wünsche ich dem SCE, dass er wieder in einer höheren Spielklasse agiert, die ihm und seiner Bedeutung für den burgenländischen Fußball entspricht. Ich wünsche den Verantwortlichen von Herzen, dass der gesamte Aufwand, der hier betrieben wird, irgendwann auch belohnt wird. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0